Superlimited oder das Schallwerk im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit

Die Festplatte quillt über, die neuesten Alben werden in Zehnerpacks heruntergeladen und die schier endlose Flut der Neuheiten in den Online Plattenläden, die sich bis zur Ununterscheidbarkeit selbst kopieren, prägen den Status Quo der elektronischen Musik. Ganz Technoland? Nein! Einige von unbeugsamen elektronischen Kriegern veröffentlichte Platten schaffen es immer wieder, den Hörern das Gefühl eines besonderen Moments zu geben. Das Gefühl, etwas Einzigartiges für sich, und nur für sich, genau in diesem Moment entdeckt zu haben. Sie erwecken den Drang, ein Musikstück unbedingt als verkratztes Vinyl besitzen zu müssen, obwohl man den Track längst als Mp3 glasklar und in Dauerrotation hören kann. Sie bringen einem dazu, tagtäglich die Neuerscheinungen durchzugehen, nur um keine Perle zu verpassen. Sie treiben die Menschen dazu, die absurdesten Preise für eine Platte auszugeben und auch noch glücklich dabei zu sein. Wie schaffen sie es, einem eigentlich im Überfluss vorhandenen Gegenstand wie einer Schallplatte einen fast schon heiligen Charakter zu verleihen?

Es muss eine Kraft geben, die über die rein akustischen Qualitäten eines Musikstückes hinausgeht. Eine Art Aura umgibt manche Releases und lässt sie zu nahezu magischen Gegenständen werden, während andere hingegen völlig belanglos in der Masse untergehen. Sie lädt ein Objekt wie die Schallplatte auf mit Bedeutungen und Symbolcharakter. Nicht mehr nur die Musik wird zum Objekt der Begierde, sondern all die Eindrücke, Geisteshaltungen und sonstigen Botschaften, die durch eine Platte transportiert werden. Die Aura macht einen Alltagsgegenstand zu etwas Einzigartigem und Mystischem.

Dabei beschränkt die Aura sich bei Weitem nicht auf Musik. Auch in anderen Bereichen der Kunst tritt sie zutage. Sie ist ein Symptom des Wunsches nach einem “Original”. Doch was ist heutzutage überhaupt noch ein Original? Sampling und Zitation sind ein anerkanntes künstlerisches Ausdrucksmittel und durch die unbegrenzte Verfügbarkeit nahezu jedes kulturellen Gutes sollte man sich doch eigentlich längst von so etwas wie dem “Original” verabschiedet haben. Also was genau macht diese “Aura” aus, die auch vor Techno keinen Halt macht?

Der Beweis der Echtheit

Da die Produktions- und Verbreitungsmethoden von Musik inzwischen so weit professionalisiert sind, gleichen sich die hergestellten Produkte einander immer mehr an, sowohl was den Inhalt, also die Musik angeht, als auch ihre Gestaltung und ihre Vertriebsform. Das Individuelle rückt immer weiter in den Hintergrund. Der Vertrieb übernimmt das Mastering, das Design und die Verteilung auf dem Markt. Der Künstler ordnet sich diesem System unter, er wird zum reinen “Produzenten”. Um ein gewisses Maß an Echtheit und Persönlichkeit wieder herzustellen, bedarf es quasi eines “Beweises der Echtheit”. So setzt sich Omar S in sein Appartment und beschriftet mit einem Filzstift jede seiner selbst geschnittenen Platten und macht sogar ein Foto von sich, wie er mit einer Pistole bewaffnet seine Kunst beschützt. Labels wie „A.R.T.less“ und „Styrax“ nähen in mühevoller Kleinarbeit einzelne Stoffaufnäher auf die Inlays und wiederum andere Labels wie beispielsweise „Workshop“ bedienen sich des guten alten Kartoffelstempels um der Schallplatte die Authentizität wiederzugeben, die sie im (Re)Produktionsprozess verloren hat. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Eine einfache Schallplatte wird zu einem Gesamtkunstwerk, das möglichst alle Sinne anspricht. Das geht soweit, dass eine CD wie Richard Skelton aka A Broken Consorts “Box of Birch” in einer Holzschatulle mit eigens gesammelten Blättern und Tannenzapfen ausgeliefert wird.

Das Signal an den Käufer ist deutlich. Wenn etwas derart akribisch verziert wurde, muss es der Inhalt auch wert sein. Außerdem entsteht ein sinnlicher Kontakt mit dem Künstler. Jedes Release ist durch dessen Hände gegangen, keines gleicht dem anderen. Die Künstler schaffen so ihre Identität nicht mehr allein durch klangliche Abgrenzung, sondern auch durch gestalterische.

Doch dies gelingt nicht immer. Der Trend zur „Auratisierung“ kann ebenso missglückte Züge annehmen, wie man an den ganzen Sublabels mit dem Zusatz „limited“ oder „coloured“, die jüngst wie Unkraut aus dem Boden sprießen, sehen kann. Ja, auch Echocord reiht sich ein in die Riege der Trashlabels, die sich dieses „neuen Marketingkonzeptes“ bedienen. Eine farbige Platte mit einem gestempelten Cover macht noch lange kein Kunstwerk. Hält der Inhalt nicht das, was die Verpackung verspricht, so wird die Verpackung zum reinen Selbstzweck. Statt einer künstlerischen Aura entsteht lediglich eine künstliche.

Limitierung

Nun, da die Persönlichkeit künstlich wieder hergestellt wurde, bedarf es eines weiteren Schrittes zur Vervollständigung der Aura: Die begrenzte Verfügbarkeit. “Vinyl only”, “Limited to 150″ oder aber “First special Pressing” sind zu einem gängigen Releaseprinzip geworden. Die Gebrauchtmarktpreise übersteigen teilweise schon am Tag der Veröffentlichung den Neupreis um das Vielfache.

Welchen Sinn kann es machen, ein wunderbares Stück Musik nur einem so begrenzten Kreis von Menschen zugänglich zu machen? Die Antwort ist ebenso simpel wie effektiv. Der Jagdinstinkt wird geweckt. So durchforstet man tagtäglich alle einschlägigen Plattenshops, Vertriebe und Labels um möglichst keinen dieser raren Schätze zu verpassen. Doch die Rarität ist dabei rein künstlich und dient lediglich dem Zweck der Auratisierung. Ein Mythos wird geschaffen.

Jeder, der über Monate und Jahre unentwegt nach einem seltenen Klassiker bei Discogs oder anderswo gesucht hat, wird das Gefühl kennen, wenn er endlich seine Trophäe in den Händen hält. Und schon entdeckt man die nächste Rarität und die Jagd beginnt von vorn.

Doch was hat der Künstler davon? Er erbringt den Beweis seiner Street Credibility. L’art pour l’art, der wahre Künstler macht sich nichts aus Geld, er macht es für “die Sache”. So wird er zu einem modernen Helden: unnahbar und authentisch. Oder er verkauft seine Platte gleich für 50 € wie Moodymann. In beiden Fällen steigt der Kultfaktor. Doch wo ist die Grenze? Als logische Konsequenz bleibt nur noch, einfach gar nichts mehr zu veröffentlichen und ausschließlich live zu spielen. Damit wäre das Trägermedium an sein Ende gelangt.

Der Repress – Verrat oder Segen

Erstaunlich häufig wird dieser Zauber der Einzigartigkeit in letzter Zeit zerstört. Immer mehr verschollen geglaubte Klassiker erblicken das Licht der Welt aufs Neue in Form eines Represses. Das unausgesprochene Versprechen, das eine Platte mit ihrem Käufer eingeht, wenn er eines ihrer begrenzten Exemplare ergattert, wird gebrochen. So macht sich häufig Frustration in der Gemeinde der Plattensammler breit. Ihnen wird mit einem Schlag die Künstlichkeit der Limitation vor Augen geführt. Die Folge ist das Gefühl des Betrogenwordenseins, obwohl der eigentliche Inhalt des “Originals” doch stets der gleiche bleibt.

Labels wie “Slow to Speak” oder die “Cabin Fever Reihe” auf “Rekids” haben sich zur Aufgabe gemacht, den Mangel an Verfügbarkeit zu durchbrechen. So erscheinen dort Klassiker von Chez Damier & Ron Trent, Kerry Chandler, Bobby Konders, Ron Trent und Barbara Tucker in neu gemasterter Form.

Was des einen Leid ist des anderen Freud. So haben diese Rereleases für viele auch wieder ihr Gutes. Sie ermöglichen es einer jungen Generation, die Geschichte kennenzulernen und aufrecht zu erhalten. Die Fülle an Represses markieren ein neues Bewusstsein im Umgang mit dem künstlich Raren. Ein Umdenken und eine Rückkehr zum Wesentlichen, der Musik als Träger der Emotionen, findet statt. Und diese sollte am besten jedem zugänglich gemacht werden. Elektronische Musik wurde als Abkehr von Hierarchien und Starkult im Musikbusiness entworfen und sollte sich nicht durch Limitation eigene Grenzen setzen. Nada Brahma, Alles ist Klang und Klang ist Alles.

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One Response to Superlimited oder das Schallwerk im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit

  1. christian gaßmann says:

    mag das thema sehr! feiner bericht…

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